Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

„Welche Ziele haben Sie?“

Wer zum ersten Mal in Therapie geht, hört diese Frage  gleich zu Beginn. Und dann sitzt man da, etwas ertappt, ein bisschen unvorbereitet. Weil man plötzlich merkt: Man weiß es nicht so genau. Oder man weiß es schon, so zirka, aber es klingt laut ausgesprochen irgendwie dünn.

Es gibt eine seltsame Stille zwischen dem Wunsch und dem Tun. Zwischen dem Wissen, was man eigentlich will, und dem Moment, in dem man den ersten Schritt macht. Manche Ziele hat man sich selbst ausgedacht, andere hat man übernommen, ohne es zu merken. Und einige liegen so lange zurück, dass sie sich inzwischen fremd anfühlen, wie jemand, den man mal gut kannte, aber nicht mehr trifft.

Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, sofort alles zu wissen. Sondern darum, überhaupt hinzuschauen. Und aufzuhören sich über sich selbst zu wundern. Man darf sich Zeit lassen. Man sollte sich diese Zeit auch nehmen.

In den letzten Jahren sind Habit-Tracker-Apps sehr beliebt geworden. Kleine Häkchen für kleine Fortschritte. Und vielleicht ist das gar keine schlechte Idee: Nicht, um sich zu "optimieren", sondern um sich selbst wieder näher zu kommen. Um überhaupt zu merken, was man regelmäßig tut. Und was man gerne öfter oder seltener tun würde.

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Ziel, sondern mit der Entscheidung, etwas nicht mehr zu übersehen. Ein Gespräch, das immer aufgeschoben wird. Eine Erschöpfung, die zu oft weggeatmet wird. Stille Wut, die Platz braucht. Auch das gehört dazu.

Gerade im Beziehungsleben zeigt sich das besonders deutlich, vor allem, wenn Kinder da sind. Mental Load verteilt sich nicht von selbst. Wer immer alles im Blick behält, verliert irgendwann sich selbst aus dem Blick. Auch das kann ein Ziel sein: zu lernen, loszulassen. Damit meine ich Verantwortung zu teilen. Und nicht alles allein tragen zu wollen.

Ich glaube, es hilft, sich einen Moment hinzusetzen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Nur mit der Frage: Was würde ich mir wünschen, wenn ich mir wirklich etwas wünschen dürfte?

Und dann vielleicht: Was wäre ein kleiner, ehrlicher Schritt dorthin?

Nicht alle Wünsche werden Wirklichkeit. Aber sie können Orientierung geben. Und das ist schon viel.