Nicht-Wissen
Es gibt Momente, in denen die Welt plötzlich größer wird. Für mich waren es zB Museen. Im Naturhistorischen, wenn ich sah, dass es Millionen unterschiedlicher Lebewesen gibt. Im Kunsthistorischen, wenn ich gemerkt hab, dass es ebenso Millionen unterschiedliche Blicke und Ableitungen auf die Welt gibt. Da wurde mir bewusst, dass die Wirklichkeit nicht nur vielfältig ist. Sie ist unendlich vielfältiger, als ich je begreifen werde.
Vielleicht deshalb komme ich bei vielen Fragen heute zu demselben Punkt, nämlich "Ich weiß es nicht". Sei es der *Sinn von allem* oder geopolitische Konflikte. Je mehr man bohrt, desto detaillierter wird das Bild; aber das Nicht-Wissen verschwindet nicht. Es verschiebt, verlagert sich nur.
Interessant ist es, wie sehr scheinbare Gewissheit Gruppen zusammenschweißt. Wer überzeugt sagt "So ist es", findet sofort Anschluss. Skepsis dagegen wirkt oft trennend. Es ist nicht leicht, in einer Welt der Schlagworte und festen Meinungen Raum für Zweifel zu lassen. Aber genau dieser Raum interessiert mich.
Psychologisch versuche ich immer besser zu lernen, bzw. vielmehr Dinge zu *ver*lernen. Lange war mein Bild geprägt von der Erfahrung, dass nahe Menschen nicht unbedingt Gutes wollen. Erst später konnte ich begreifen, dass es auch anders geht. Dass Fürsorge, Nähe, Wohlwollen nicht Ausnahmen sind, sondern real. Ich hoffe, dass es nicht zu spät für mein diesbezügliches Lernen ist.
Vielleicht liegt Weisheit weniger in Antworten, sondern in Fragen. Das ist mir auch in meinem Beruf vertraut. Fragen zu stellen, Situationen nicht vorschnell zu erklären, sondern sie offen zu betrachten; das schafft Verstehen, auch wenn es nie vollständig sein kann.
Die Philosophie begleitet diesen Gedanken seit Jahrtausenden. Sokrates hat das "Ich weiß, dass ich nichts weiß" nicht als Kapitulation gemeint, sondern als Einladung, weiterzufragen. Albert Camus hat im Absurden nicht die Sinnlosigkeit gesehen, sondern die Möglichkeit, das Leben gerade im Zweifel zu bejahen. Und Karl Popper hat immer wieder betont, dass Wissen nicht durch Gewissheit wächst, sondern durch die Bereitschaft sich irren zu lassen.
Nicht-Wissen als Haltung. Nicht, um sich zu verstecken. Sondern um stets offen zu bleiben für das, was wir sonst zu schnell übersehen würden.