Lieder und Leere
Matt Berninger spricht über seine Depressionen, fast beiläufig, und doch mit einer Schwere, die man nicht überhören kann. David Letterman (den man mittlerweile äußerlich mit Dumbledore verwechseln könnte) hört zu, und erzählt wiederum von seinen eigenen Erfahrungen. Zwei Männer, die in einem Raum sitzen, aber nicht spielen, nicht unterhalten, sondern etwas teilen, das sie beide kennen. Es ist kein einseitiges Interview, sondern ein Dialog zwischen Erfahrenen.
[2023] A Conversation Between Matt Berninger (frontman of the band "The National") and David Letterman (former talkshow "legend")
Ich kenne diese Schwere. Meine eigenen Depressionen kehren seit vielen Jahren immer wieder. Sie sind kein einmaliges Ereignis, sondern ein vertrauter Schatten. Manchmal näher, manchmal weiter weg. Arbeit und Kreativität, sei es das Schreiben von Texten, um die mich niemand gebeten hat, oder ein Projekt, das mich fordert, sind für mich die besten Ventile. Neben Therapie ist das wohl das Einzige, das diesbezüglich für mich wirklich essentiell ist.
Berninger erzählt, wie er irgendwann spürte, dass er die Verzerrungen in seinem Kopf nicht mehr allein regulieren konnte. Dass es ohne Medikamente nicht ging. Ich erkenne mich darin wieder. Psychische Erkrankungen lassen sich nicht mit Disziplin vertreiben, sie sind keine Frage der Willenskraft. Medikamente sind manchmal das, was den Boden stabilisiert, auf dem man überhaupt erst wieder stehen kann.
Zugleich steckt darin ein schwerer innerer Konflikt: Manche Krankheitsbilder tragen das Ablehnen von Medikation fast in sich. Als würde die Psyche selbst sich wehren gegen das Eingeständnis, nicht "normal" sein zu können ohne Hilfe.
Dass Berninger öffentlich darüber spricht, macht ihn für mich noch nahbarer. Zugleich fällt mir auf: es ist zum Glück fast schon "en vogue" geworden über psychische Probleme zu sprechen. Vor ein paar Jahren wäre das noch kaum denkbar gewesen; vor allem nicht bei Männern. Männer tun das ja eigentlich nicht. Und genau deshalb ist es umso wichtiger, wenn es doch geschieht.
Leider stehen noch immer vor allem jene Diagnosen im Vordergrund, die gesellschaftlich schnell Aufmerksamkeit oder Verständnis bekommen; ADHS als aktuelles Beispiel, vor einigen Jahren war es Burnout. Oder ganz allgemein die Rede von "zu viel Arbeit, Überforderung im Alltag, Mental Load". Alles wichtige Themen, unbestritten. Aber wenn man näher hinsieht, ersetzen diese Begriffe manchmal auch die klare Benennung einer psychischen Erkrankung, die sich dahinter oder daneben verbirgt. Und es ist völlig in Ordnung, sich Hilfe zu suchen, wenn es mehr ist als Alltagsstress.
Die "kritischeren" Krankheitsbilder; jene, die in Beziehungen Spannungen erzeugen, Konflikte, Vorwürfe; der oder die Kranke sich als "Täter" darstellen lassen; die bleiben oft unsichtbar. Weil sie nicht "cool" sind, weil sie weniger leicht zu teilen sind. Dabei verdienen sie genauso Aufmerksamkeit, sowohl für Betroffene als auch Angehörige.


[2013] Linz Donau Festival & [2024] London Concert
Ich höre The National nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen dieser leisen Ehrlichkeit, die sich durch deren Werk zieht. In ihren Songs liegt Melancholie, Reduktion, ein Raum für all das, was nicht glatt ist. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich in dieser Band wiederfinde.
Depression nimmt. Aber manchmal gibt sie auch etwas menschlich sehr Wichtiges zurück: die Fähigkeit, andere tiefer zu verstehen.